Medicane

ES BRODELT IN DER WETTERKÜCHE

Im September 2020 habe ich nicht schlecht gestaunt, als die Schlagzeilen von einem Medicane im Mittelmeer berichteten.Ich will ehrlich sein, nachdem ich die Schlagzeilen verdaut habe, hat mich die Bezeichnung „Medicane“ etwas irritiert, denn ich wusste nicht wo ich den Begriff einstufen sollte. Als ich aber die verheerenden Bilder sah und die zugehörigen Berichte las, ging mir das berüchtigte Licht auf! Den Betroffenen im südionischen Griechenland hingegen gingen die Lichter sprichwörtlich aus!
Nach den Aufsätzen über den Meltemi und die Isobaren ist dieser Bericht nur eine logische Ergänzung der vorgängigen Themen.
Was war geschehen? Ein kleiner Rückblick mit recherchierten Fakten der Geschehnisse soll helfen dieses Phänomen einzuordnen und die Wassersportfreunde im Mittelmeer aufzurütteln. Nur zu leicht geraten Tragödien dieser Art in Vergessenheit und könnten nebst materiellem Schaden fürs Schiff auch grosses Leid für die Crew bedeuten.
Wie sich meteorologisch ein Medicane entwickelt kann auf dem nachstehenden <Videolink des SRF> beobachtet werden! Wichtiger Hinweis; Erst Video starten, dann Wiederholungstaste links unten drücken.
In den folgenden 4 Spoilern werden die Merkmale eines Medicane aufgearbeitet;

1.) WAS oder WER ist ein Medicane
Immer wenn die Wissenschaft oder Gelehrten ein neues Wort kreieren versucht der interessierte Leser, eine logische Erklä-rung zu finden. In diesem Fall wird es einem nicht schwer gemacht, denn der Medicane hat nichts mit Medizin zu tun sondern soll einen kleinen Hurrikan im Mittelmeer bezeichnen.
Bild unten; Die Wettersituation am 19.09.2020 über Europa!
Der Begriff „Medicane“ entstand aus einer Wort-schöpfung aus „medi-terran“ und dem engli-schen Wort „Hurricane“. Der Begriff kam schon in den 1980-er Jahren auf, als in den Herbstmonaten über dem Mittelmeer orkanartige Wolkenstrukturen auf Satellitenbildern beobachtet wurden. Ob dies frühe Anzeichen der globalen Erderwärmung und deren Folgen geschuldet waren, ist bei den Meteorologen weiterhin umstritten.
Eines aber ist gewiss, mit zunehmenden Wassertemperaturen hat ihre Stärke und Häufigkeit zugenommen. Kleinere Tornados oder Wasserhosen haben sich mittlerweile im „Mare Nostrum“ etabliert und sorgen für wenig Spektakel. Welche Mixtur die Wetterküche benötigt um solche Monster wie das Medicane zu kreieren wird im nächsten Spoiler beschrieben.
2.) Rezeptur & Auslöser eines Medicane
Medicanes, außertropische Wirbelstürme, entstehen meist nur dann, wenn in der herbstlichen Wetterküche nachstehende Zutaten bereitgestellt werden;
                         Schematische Grafik unten nach Jan Bindseil
1. Ein Kaltluft-ausbruch (Strö-mung) aus den gemäßigten Brei-ten in Richtung Äquator.
2. Ein stationäres Tief in den höhe-ren Luftschichten.
3. Eine warme Meeresoberfläche mit min. 26°C
4. Ruhige Wetterlage, so dass kondensierenden Luftmassen aufsteigen und einen Wolkenwirbel bilden können.
Nachdem mit ca. 200 km Aussendurchmesser und den Gewit-tertürmen nun alle Voraussetzungen für einen Medicane ge-schaffen sind, fehlt es an der benötigten Wasseroberfläche. Im Mittelmeer begrenzen die Landmassen die Entfaltung der Corioliskraft welche dann zu schwach ist, um die aufsteigen-den warmen Luftmassen mit dem nötigen Drehimpuls zu ver-sorgen. In der Regel zerfällt diese Konstellation bereits nach wenigen Stunden und endet als gewöhnliches Gewitter. Ein Medicane kann so nicht selbständig entstehen und braucht eine Starthilfe von aussen!
An der Vor-derseite be-sorgt dies heiße Luft aus der Sahara, die von einem Schirokko nordwärts getrieben wird. An der Rückseite wird der Wirbel von atlantischer Kaltluft (Mistral / Bora) ge-puscht, die ins westliche Mittelmeer strömt. Da Medicanes selten einen Durchmesser von mehr als 200 km erreichen und ihre Wärmezufuhr zu gering ist, fehlte es ihnen zudem an kinetischer Energie. Ein Medicane konnte sich daher (bisher!) nicht aus eigener Kraft erhalten oder gar verstärken! Bei einem Hurricane erreicht der Wind seine größte Stärke um das windstille Zentrum, bei einem Medicane entlang der Spiralarme seiner Fronten, vor allem bei deren Okklusion.
Nach der Okklusion beginnt der Motor meist zu stottern, das System zerfällt oft schon Stunden nachdem es sich gebildet hat. Bei „Udine resp. Ianos“ hingegen schien es, als würde der Wind immer enger um das Auge kreisen. Bewirkt haben könnte dies die Wassertempe-ratur im Ionischen Meer. Noch im September war sie so hoch, dass manche Prognosemodelle die Bildung eines tropischen Wirbelsturms im Mittelmeer nicht mehr ausschließen konnten. Deshalb könnte „Ianos“ der erste Medicane gewesen sein, der sich selbst über längere Zeit erhalten konnte.Sollte die Klima-erwärmung weiter so fortschreiten, wird er nicht der letzte gewesen sein.

September und Oktober gelten als gefährlichste Monate. Medicanes drehen sich, wie jedes andere Tiefdruckgebiet auf der Nordhalbkugel auch, gegen den Uhrzeigersinn. Sie errei-chen maximal die Windgeschwindigkeiten eines Klasse-Eins-Hurricanes.
Auch bei Medicanes gibt es eine Klassifizierung:
♣ Mediterranean Tropical Depression: Windgeschwindigkeiten unter 63 km/h
♣ Mediterranean Tropical Storm: Windgeschwindigkeiten von 64 bis 111 km/h
♣ Mediterranean Hurricane: Windgeschwindigkeiten ab 112 km/h (Ianos)
Bild unten: Windgrafik Medicane 17.09.20
Ebenso ge-fährlich wie der Wind sind die gro-ßen Regen-mengen, die sie mit sich führen. Die Zugrichtung von Medicanes wird von der Westwinddrift be-stimmt. Deshalb ziehen sie in östlicher Richtung und nicht wie ihre Verwandtschaft westwärts über die Ozeane.
Seit Beginn der Aufzeichnungen wurden an die zwanzig Medi-canes dokumentiert. Ähnlich wie bei Hurrikans, gab es auch Jahre in denen sie vermehrt auftraten und solche die völlig frei von diesen außertropischen Wirbelstürmen waren.

3.) Drehbuch des Medicane IANOS
Donnerstag 16.09.2020 UTC 08:00 (Bild lin. mit Klick öffnen) Südlich von Italien formt sich im Laufe des Mor-gens über dem warmen Mittelmeer ein subtro-pisches Sturmtief. Als sich im Sturmzentrum ein Auge ausbildet wird er zu einem außertropi-schen Wirbelsturm hoch-gestuft. Nun ist er ein Medicane mit knapp über 300 km Aussendurchmesser und heißt Udine. Er bewegt sich auf die südlichen Ionischen Inseln resp. den Peloponnes zu. Wer noch nicht nach Norden geflüchtet ist versucht eine sichere Bucht oder Anlegestelle zu erreichen.
Donnerstag 16.09.2020 UTC 14:00
Medicane-Alarm in Griechenland!
Die Griechen taufen den Wirbelsturm in „Ianos“ um. Schipper, die der Alarm erreicht, versuchen nach Norden zu entkommen. Alle anderen rüsten sich fürs Unwetter und suchen verzweifelt nach einem geeig-neten Unterschlupf.
Donnerstag 16.09.2020 UTC 18:00
Schon im Laufe des Tages setzen heftige Regenfälle ein. In der Nacht zum Freitag errei-cht der Sturm dann die Küste. Die Windspitzen erreichen bis zu 140 km/h. Die Regenmengen können, besonders auf den Inseln, bis zu 300 Liter pro Quadratmeter erreichen. Es ist mit Überschwem-mungen und Erdrutschen zu rechnen.
Donnerstag 16.09.2020 UTC 22:00
In den Fischerhäfen und Ankerbuchten ist die Hölle ausge-brochen. Die Skipper kämpfen mit Crew und Maus um die Jachten zu sichern, ja vereinzelt sogar ums Überleben.
Freitag 17.09.2020 UTC 02:00
Die Böen erreichen Windstärke 10 – 11. Langsam drehen die Winde von SE nach E. An Land werden verehrende Schäden gemeldet. Die Stromversorgung fällt vielerorts aus.
Freitag 17.09.2020 UTC 06:00
Der Wind dreht weiter nach NE und schwächt sich etwas ab.
Freitag 17.09.2020 UTC 10:00
Der Sturm wütet den ganzen Morgen weiter. Wer nicht schon vorher in Panik geriet, der hat nun auch keine Kraft mehr dazu. Etliche Jachten sinken und stranden.
Der beiliegende <Video-Link> zeigt Eindrücke aus Kefalonia!
Freitag 17.09.2020 UTC 14:00
Der Medicane schwächt sich zu einem mächtigen Sturmtief ab und zieht an der Küste des Peloponnes langsam in Richtung Libyen ab.
Freitag 16.09.2020 UTC 18:00
Wegen der drehenden Win-de kämpfen im südionischen Meer die Jachten mit dem chaotisch hohe Seegang. In den sonst so sicheren Buch-ten versuchen die Jachten den mörderischen Wellen zu ent-kommen.
Samstag 17.09.2020 UTC 04:00
Der Spuk ist vorbei, die hellenische Küstenwache gibt Ent-warnung. Alle, Anwohner und Schiffseigner sind um ein nicht zu beneidendes Abenteuer reicher geworden. 
4.) UDINE oder IANOS
Zwei Segler sitzen beim Sundowner in Gedanken versunken bis der eine Fragt: „Kannst du dich noch an Erika erinnern?“ Der andere verdreht die Augen und bemerkt: „Meinst du die, die so stürmisch geblasen hat?“.
Wäre nicht die Namensgebung von Tiefdruck- und Hoch-druckfronten alltäg-liche Routine müsste man auf unsittliche Gedanken kommen. Das Taufen von Wetterfronten ist weltweit zur Tradition ge-worden und funktioniert Länder- und Kontinent übergreifend. Auch dieser Zyklon wurde getauft, ungewöhnlich ist nur, sie oder er hatte sogar zwei Namen!
In der Namensgebung wird auf die alphabetische Reihenfolge beider Frontarten geachtet. Wer geglaubt hat, dass die Gen-derwächter schlafen, der hat sich geirrt! Weibliche und Männ-lichen Namen unterliegen einem jährlichen Turnus. In geraden Jahren hören Hochdruckgebiete auf männliche und Tiefdruck-gebiete auf weibliche Namen. In ungeraden Jahren ist es um-gekehrt. In unserem Fall ist mir aufgefallen, dass sich die Italiener wohl geirrt ha-ben, denn es war ein männ-liches Orkantief und hätte einen würdigen Namen ver-dient, wie peinlich. Die Griechen haben dies bemerkt und hielten es für erforderlich den Irrtum zu korrigieren. So ist aus der Udine der Ianos geworden, was heute im Trend liegt.
Wenigen Wetterphänomenen kann ein Sinn der Namensge-bung nachgesagt oder abgerungen werden, aber auch diesbe-züglich bin ich fündig geworden.
Warum sich die Italiener für den Namen „Udine“ entschieden haben, wird ihr Geheimnis bleiben, denn Udine, selten auch Undene, französisch OndineWassergeist“, „Nixe“) ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist (s. Bild links). Sie gehört zu den sogenannten halbgöttlichen Elementargeistern. Also ein Name, der meinem Erachten nach, bei der „jungfräu-lichen“ Entstehung des Sturmtiefs gut gepasst hat. Eine äusserst scharfsinnige Beobachtung der Italiener.
Die Griechen wollten den Italienern in keiner Weise nachstehen und suchten nach einem tiefsinnigen Namen. In der Namens-gebung verbirgt sich ver-mutlich die Mentalität der Hellenen, die schon immer den Hang zur Dramaturgie und Mythologie hatten. Mit „Ianos“, auch „Ianus“ geschrieben, haben sie sprichwörtlich „den Nagel auf den Kopf“ getroffen. Janus ist in der ursprüng-lichen römischen Mythologie beheimatet und weist mit dem Namen Janus (lateinisch Ianus) auf die römische „Gottheit des Anfangs und des Endes“ hin. Er gehört zu den ältesten römi-schen Göttern (Bild s. oben)

Nicht jede Frage gibt eine Antwort her;
Warum wurde dieser Name gewählt? Hat es etwa damit zu tun, dass der Medicane von Italien kam? Wohl kaum. Eines aber ist gewiss, „Ianos“, der außertropische Wirbelsturm, hat für viele Wassersportfreunde und nicht zu vergessen für Land-bewohner „den Anfang vom Ende“ symbolisiert! Wahrlich, wie in der antiken römischen Bestimmung der Gottheit.

Blue Whales Schlusswort
Blue Whale hatte in Bari zum Glück ca. 450 km Abstand zum Zentrum des Wirbelsturmes. Auch hier machte den Menschen heftige Windböen zu schaffen. Blue Whales Abdeckplane wurde in Mitleidenschaft gezogen und so kann man erahnen, welche Kräfte in unmittelbarer Nähe gewirkt haben müssen.
Ältere Griechen versicherten, dass es solche schweren Stürme in dieser Regelmäßigkeit früher nicht gegeben habe. „Ich stand bis zu den Hüften im Wasser“, sagte eine 86-Jährige am Samstag dem örtlichen Fernsehsender in einem stark betroffenen Dörfchen. „Wir hatten auch früher mal Stürme, aber nie so gewaltig.“
Uns Skippern könnte trotz regelmässiger Wetterbeobachtung ein solches saisonales Unwetter ereilen, denn mit der Geschwindigkeit wie sich diese Ungeheuer entwickeln und herumziehen ist atemberaubend und kein Kraut gwachsen.

Blue Whale und ich bleiben den Lesern einen „guten Ratschlag“ schuldig. Wir sind beide froh, diesem Drama dank „Corona“ entkommen und nicht ausgesetzt gewesen zu sein.

<Back to mainpage Glossar>
<Back to Maritimes Koleidoskop>

 

Vendée Globe 2020/2021

In 80 Tagen um die Welt

Die Sieger der Vendée Globe 2020/2021 sind im französischen Les Sables d’Olonne am 27. Januar über die Ziellinie gesegelt. Die Regatta um den Globus ist zwar noch nicht zu Ende, aber aus Gründen der Aktualität erlaube ich mir schon jetzt eine Reflektion der Geschehnisse. In der langjährigen Geschichte des Rennens durften wir eine noch nie dagewesene Spannung und Dramatik, die das Renngeschehen begleitet hat, erleben.
Gestattet mir, noch vor dem Rückblick des Rennablaufs, eine kleine literarische Note aus der Vergangenheit voraus zu senden. Den älteren oder belesenen Generation werden beim Anblick des Untertitels Erinnerungen wachgerufen, der sich im Text „In 80 Tagen um die Welt“ manifestiert, denn so ähnlich hat sich auch die aktuelle Vendée Globe zugetragen, einziges Gefährt – SEGELBOOT -.
PS. Für lesefaule Zeitgenossen habe ich eine knapp 27 minütige Zusammenfassung hinterlegt die mit atemberaubenden Bildern das ganze Rennen dokumentiert <der Link>. Wegen der Länge des Beitrages und Übertragungsschwierigkeiten auch noch die Linkadresse – https://youtu.be/1PdnfF5qm1g –

Literarischer Rückblick
Jules-Gabriel Verne, der französische Schriftsteller und Mitbegründer der Science Fiktion Romane, hat 1873 das vielbeachtet und futuristische Buch „In 80 Tagen um die Welt“ geschrieben. Seine Vision den Erdball, für damalige Zeiten unvorstellbar kurzen 80 Tagen zu umrunden, ist schon lange Wirklichkeit geworden, hat aber selten eine solche Überein-stimmung wie das aktuell Vedée-Abenteuer erfahren.
Auch dass die Rennjachten nahe „Point Nemo“ vorbei-segelten, und somit die Nautilus und den Bestseller „20‘000 Meilen unter dem Meer“ heraufbeschwören, oder das Kap Horn sichteten wo sich die Seekrimi-Anekdode „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ abge-spielt haben soll, ist wohl eher Zufällig. Diese schon fast vergilbten und in Ver-gessenheit geratenen Romane dürften eine Renaissance erleben, denn die neunte Auflage der Vendée Globe hat sie wieder in Erinnerung gerufen, wo sie vermutlich dank der 80 Tage Renndramatik länger verbleiben dürften. Aber nun zum wahren Geschehen im nächste Spoiler, der „Vendée Globe 2020/2021“.
Die Vendée Globe 2020/2021
Auf Blue Whale’s Webseite ist schon ein Beitrag zu diesem Thema publiziert worden „Gladiatoren der Ozeane“, aber die Intensität und die Spannung der diesjährigen Vedée Globe schreit förmlich danach, die Geschehnisse Revue passieren zu lassen. Deshalb beschränkt sich dieser Aufsatz mit ergänzen-den Informationen zum erwähnten Beitrag wo allgemeine Infos nachgelesen werden können. In diesem Bericht ist nur der Ablauf des aktuellen Rennens (Karte & Video) wiederge-geben. Die 9.Aus-gabe der Vendée Globe kam zu einem unglaub-lichen Crescendo als acht Skipper die Ziellinie vor dem französ. Küstenort an der Biskaya, in Les Sables d’Olonne, innerhalb von 23 Stunden 44 Minuten überquerten. Die Teilnehmer und ihre Yachten kannst du mit Klick aufs Bild öffnen. 
Nicht nur eine Rekordteil-nehmerzahl von 33 Booten sondern auch die atypi-schen Abfolge von Wetter Systemen in Atlantik und Ozean, vermutlich dem Klimawandel geschuldet, haben die Superlative mehrfach übertroffen.
Die Top 10 bzw. 12 Boote haben sich während der 28‘500nm an verschiedenen markanten Punkten zwangsläufig gruppiert und das Rennen quasi neu gestartet. Fulminant war die Ziel Einfahrt der ersten 5 Boote, die nach 36 Stunden das Podium beanspruchten. Ein aussergewöhnliches Rennen, welches noch lange in Erinnerung bleiben wird. 
Havarien & Rettungsaktionen (08.11.2020-01.12.2020)
11.11.2020 Jérémie Beyou muss wenden, in der Sturmnacht sind die Backstage gebrochen und ein Ruderschaden ist auch noch zu verzeichnen. Für Reparaturarbeiten wird er in den Starthafen zurück kehren und versucht das Rennen später wieder aufzunehmen
Armel Tripon muss Beidrehen, er ist mit einem Gegenstand kollidiert und beschädigt ein Foil.
16.11.2020 Nicolas Troussel hat etwa 260 Seemeilen nord-westlich der kapverdischen Inseln im Sturmtief „Theta“ sein Rigg verloren und muss aufgeben.
19.11.2020 Armel Tripon muss erneut beidrehen und Schäden im Rigg reparieren
22.11.2020 Alex Thomson muss Strukturschäden am Bug reparieren und fällt zurück.
25.11.2020 Thomas Ruyant meldet Schaden an den Tragflächen und fällt zurück.
27.11.2020 Thomas Ruyant muss sein BB-Foil verkürzen und Alex Thomson wird merklich langsamer.
28.11.2020 Alex Thomson muss nun wegen Ruderproblemen das Rennen endgültig aufgeben. Er weicht nach Kapstadt aus.
Alex Thomson noch vor der Havarie aus besseren Zeiten

30.11.2020 Kevin Escoffier hat seinen Notruf-Sender ausgelöst und ist in die Rettungsinsel umgestiegen.

Nachstehend die Ereignisse am 01.12.2020;
Wer hätte am 30. November ahnen können, dass die Such- & Rettungs- Aktion für den havarierten Skipper, Kevin Escoffier (Video), das Endergebnis dermassen beeinflussen würde? Jean le Cam, Sébastien Simon (später Ausgeschieden), Yannick Bestaven und Boris Herrmann eilten Kevin Escoffier zu Hilfe. Die zurzeit führenden Charlie Dalin und Thomas Ruyant waren zu weit voraus, um sich an der Rettungsaktion beteiligen zu können. Klick auf Karte öffnet Havarie OrtDie Rennjury gewährten demzufolge Zeitgutschriften für die verlorene Zeit und den Sucheinsatz. Die ungewöhnlichen Wetterbedingungen bedeuteten dann, dass es bis zum Ziel ein hart umkämpfter Wettbewerb bleiben würde.

Havarien & Rettungsaktionen (02.12.2020-27.01.2021)
02.12.2020 Sébastien Simon ist mit einem Gegenstand kollidiert und hat schwere Schäden zu verzeichnen. er muss das Rennen aufgeben.
03.12.2020 Samantha Davies hat das gleiche Schicksal ereilt wie Sébastien Simon der nun auch Wassereinbruch verzeichnet. Auch für Samantha dürfte in guter Position liegend (beste Skipperin) das Rennen zu Ende sein.
06.12.2020 Jean le Cam konnte Kevin Escoffier der Marine übergeben. Die drei Havaristen Thomson, Simon und Davis geben auf. Sie sind in Kapstadt angekommen.
08.12.2020 Louis Burton und Damien Seguin fallen mit großen technischen Schwierigkeiten zurück.
11.12.2020 Fabrice Amadeo im Verfolgerfeld auf #25 liegend steckt Kurs auf Kapstadt ab, sie muss aufgeben.
15.12.2020 Charlie Dalin muss beidrehen und einen Schaden am Backbord-Foil beheben.
17.12.2020 Thomas Ruyant der Zweitplatzierte hat offenbar ein Leck im Vorschiff.
18.12.2020 Lois Burton hat es als nächsten erwischt. Er wird einen Reparaturstopp nahe der Macquarie Insel einlegen müssen und weit zurückfallen. Er kehrte am 21.12. wieder im Rennmodus zurück. 23.12.2020 Ein Videorückblick des ZDF bei Rennhälfte, Dauer 6:47Min. (Link mit Mausklick auf Markierung)
02.01.2020 Die Spitze hat Kap Horn umrundet!
05.01.2021 Boris Herrmann beklagt Risse im Grosssegel und Isabelle Joschke, die Zwischenzeitlich bis auf Platz #5 vorgedrungen war meldet Probleme mit dem Schwenkkiel.
10.01.2021 Isabelle Joschke meldet Totalschaden am Schwenkkiel. Sie ist die letzten Tage immer mehr zurückgefallen und muss das Rennen aufgeben. Clarisse Cremer ist nun beste Skipperin auf Platz #12.
16.01.2021 Sébastien Destremau weit zurückliegend muss vor Neuseeland aufgeben. Ohne Autopilot und weitere technische Geräte ist es zu gefährlich weiter zu segeln.
18.01.2021 Boris Herrmann hat erneut Segelprobleme und fällt etwas zurück.
27.01.2021 Boris Herrmann havariert mit einem Fischertrawler 90nm vor dem Ziel und kann sich nur noch in langsamer Fahrt dem Ziel nähern.

Das war kurz vor Zieleinlauf der Spitzengruppe die letzte Havariemeldung. Diese Eilmeldung hat nicht nur Freunde schockiert. Der Franzose würde sagen; C’est la vie!

Zieleinlauf & Podestplätze
Zwischen Mittwoch (27.01) und Donnerstagabend beendeten die ersten acht Boote innerhalb von 23 Stunden und 44 Min die Cirkumnavigation. Die Dramatik und Spannung wird erst durch den Vergleich mit dem Rennen von 2016 verdeutlich, als zwischen dem Sieger Armel Le Cléac’h und dem achtpla-tzierten Boot eine Zeitspanne von 19 Tagen und 19 Stunden registriert wurde. (Bild unten; Charlie Dalin, der erste im Ziel)
Drei Skipper wurden mit Zeitkompen-sationen belohnt, Boris Herrmann, Yannick Bestaven und Jean Le Cam. So musste gewartet werden bis Jean le Cam das Rennen beendet hatte und die endgültige Rangliste feststand.
Bestaven gewann mit seinen 10:15 Stunden gutgeschriebener Zeit, Charlie Dalin, der als Erster die Ziellinie überquerte, wurde als Zweiter und Louis Burton als Dritter gewertet.
Boris Herrmann, der noch kurz vor der Havarie als Sieger ge-handelt wurde, ist auch noch von Jean Le Cam abgefangen worden, weil dieser die grössere Zeitgutschrift verbuchen durfte.              (Bild unten; Yannick Bestaven der Sieger)
Yannick Bestaven wurde als Gesamt-sieger dieser neun-ten Ausgabe ausge-rufen. Er beeindru-ckte mit seiner Fäh-igkeit, hart, schnell und konstant im südlichen Polarmeer zu segeln und im letzten Sprint mit einer perfekten Taktik, aber auch mit seiner Aufrichtigkeit und Sportlichkeit an Land zu brillieren. Auf dem Podium vor dem daneben stehenden Charlie Dalin und jubelnden Gästen er-klärte er: „Es gibt zwei Gewinner an dieser Vendée Globe!“
Charlie Dalin, der Skipper von Apivia, wurde an der Spitze der Flotte bejubelt, landete jedoch offiziell auf dem zweiten Platz und verpasste den Gesamtsieg um weniger als drei Stunden. Eine kaum zu überbietende Dramatik.
Der letzte Platz auf dem Podium ging an Louis Burton, der an Bord seines „betag-ten“ Bootes, dass das Rennen 2016 gewann, volles En-gagement und Ent-schlossenheit zeigte. Diese Tatsache führt ins Bewusstsein, dass auch „alte“ Renn-ungeheuer nicht abgeschrieben werden dürfen.
Das Rennen wird auch für die heldenhafte Rettung von Kevin Escoffier durch Jean Le Cam in Erinnerung bleiben, der durch die Zeitgutschrift auf dem vierten Platz bestätigt wurde. Jean hat bewiesen, dass man auch im mittleren Alter von 61 Jahren, keineswegs seine Segelfertigkeiten einbüsst, und nicht unterschätzt werden darf.
Im Bild Jean Le Cam der Oldie in seinem Element

Einige Stunden vor dem Ziel hatte der deutsche Skipper Boris Herrmann Schreckensmomente zu überstehen. Er kollidierte mit einem Fischtrawler der seine Träume zunichtemachte. Kurz vor dem Vorfall kämpfte er noch immer um den Sieg. Die Taktik, sein modifi-ziertes älteres Boot, mit einer material-schonenden Fahr-weise konstant an der Spitze zu halten, war nicht nur nerven-aufreibend, sondern hat sich auch bewährt. Nach achtzig Renntagen ein solches Schicksal zu erleiden, zeigte wieder einmal die grausame Seite einer Vendée Globe Veranstaltung auf.
Nur mit dem sechsten Schlussrang belohnt war Thomas Ruyant der Verlierer der diesjährigen Globe.  Diese Position wiederspiegelt seine Leistung auf dem Wasser in keiner Weise. Der Skipper von LinkedOut verbrachte zwei Drittel des Rennens in den Top Drei, obwohl er sich vor Einfahrt in den Indischen Ozean ein Foil gebrochen hatte.
Die Enttäuschung wird für ihn schwer zu überwinden sein, zumal er als Favorit gehandelt wurde und das wohl innovativste Schiff im Feld sein eigen nennen durfte. Der aus Nordfrankreich stammende Skipper wird sicherlich noch länger mit der Enttäuschung zu kämpfen haben.
Der zweimalige paralympische Meister Damien Seguin belegte den siebten Platz und beeindruckte alle, indem er seiner Erfolgsliste eine weitere Heldentat hinzufügte.Mit nur einer Hand geboren, wollte er beweisen, dass jeder versuchen sollte, seine Träume zu verwirklichen auch wenn er handikapiert ist. Er dürfte nicht nur für Segler ein Vorbild und Idol werden.
Der italienische Skipper und ehemalige Uni-Dozent für Philo-sophie, Giancarlo Pedote mit Sitz in Lorient, Bretagne, belegte den achten Platz und erzielte die beste Leistung, die ein Italiener in der Vendée Globe Geschichte jemals abschloss.
Schließlich kehrte der Lokalmatador Benjamin Dutreux am Freitagmorgen (29.01) nach Hause zurück und wurde weniger als 24 Stunden nach der Ankunft des ersten Bootes in dieser außergewöhnlichen Vendée Globe Ausgabe Neuntplatzierter.
Heute Samstag, erreichte Maxime Sorel mit V & B Mayenne, als Zehnter die Ziellinie. Seine Rennjacht wurde schon in Jahr 2007 gebaut und hat an zwei Vedée Globe Rennen teilgenom-men, aber heute zum ersten Mal den Kurs beenden können. Zuvor musste das Schiff wegen diversen Havarien vorzeitig die Rennen abbrechen.

Schlussgedanken zum Finale
Das Rennen ist noch lange nicht zu Ende. 15 Skipper und Skipperinnen sind noch unterwegs und kämpfen um die Ehre das härteste Rundum Rennen beenden zu können. Darunter sind fünf Frauen die die Achtung der Segelscene verdienen, vor allem, die Französin Clarisse Cremer, die als zwölfte ins Ziel kommen dürfte.
Experten sind sich einig, dass diese Auflage das wohl verrücktesten Ren-nen um die Welt war, die Vendée Globe 2020/2021! Sie wird bald in die Geschichte eingehen und in nächster Zukunft wohl kaum zu toppen sein. Auch Jules Verne dürfte anlässlich der Spannung und Dramatik des Rennens sich im Grabe umgedreht haben.
Trotzdem fiebern wir bereits einer Neuauflage entgegen. Die Zehnte Vendée Globe 2024 als Jubiläum dürfte viel Innova-tives im Gepäck haben und vor allem junge und talentierte Gladiatoren der Ozeane hervorbringen. Auch diese Neuauflage in vier Jahren werden wir mit gleichen Erwartungen, Hingabe und Intensität verfolgen.
Segelsaison – Abschluss oder Neuanfang?
Es ist müssig über den Abschluss resp. den Neuanfang zu philo-sophieren, denn sie hat 2020 wegen der Corona Epidemie nicht oder nur gebeutelt stattgefunden. So war es ein Highlight an der diesjährigen Vendée Globe als virtueller Gast teilnehmen und ohne Gefahr von Havarien mitsegeln zu dürfen. Eine zeitfüllende Be-schäftigung im nimmer endenden Lockdown. So wurde über mehr als zwei Monate des Seglers Herz erfreut, natürlich nur für jene, die nichts Besseres vorhatten, durften oder konnten.
Den Rückblick ist mit diesem Bericht geschlossen, aber eine opti-mistische Perspektive für die Segelsaison 2021 fehlt noch. Blue Whale träumt schon von Begegnungen mit Jachten die mit paral-lelen Kurs auf Seen oder Meeren unterwegs sind, wo Skipper zu uns rüber schielen und eifrig, ja unermüdlich die Segel trimmen und die Crew herumhetzen. Spätestens dann wissen wir, das die Neuauflage der Vendée Globe gestartet hat und wir mitten drin sind.

<Back to Maritimes Koleidoskop>     <Back to Glossar>

Die besten Segelfilme

HOLLYWOOD AUF HOHER SEE

In Zeiten wo uns das Corona Virus die Segelsaison 2020 unter Quarantäne setzt braucht der leidgeprüfte Wassersportfreund eine Ersatzdroge. Da bieten sich nur spärliche Alternativen an wie z.B. Segelbücher und Zeitschriften, in der Badewanne mit Ventilator ein Segelschiffchen manövrieren oder, um Rückbildung von Schwimm-häuten zu vermeiden, die besten Segelfilme reinzuziehen.
So hat Blue Whale der Trailer „En Solitaire“ erwogen einen Blog respektive Auflistung der besten Segelfilme zu veröffentlichen. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit noch darf sie einer Klassifizierung gleichgesetzt werden. Das Schlusswort soll heißen; zurücklehnen, entspannen, Segel setzten und man ist in die Segel-Traumwelt Hollywoods abgetaucht!

Mit Mausklick auf das Film Erscheinungsjahr kannst du das jewei-lige Info-File öffnen. Darin findest du eine Beschreibung in Kurz-form, technische Daten des Films und einen Links zum Vorschau-Trailer

Legende Segelfilme

Jahr            Filmtitel deutsch                   Filmtitel englisch

1989 Todesstille Dead Calm
1990 Der Skipper Kill Cruise
1992 Die Eroberung des Paradieses 1492 The Conquest
1995 Waterworld Waterworld
1996 Reißende Strömung White Squall
1997 Robinson Crusoe Robinson Crusoe
1998 Horatio Hornblower The Even Chance
2003 Bis ans Ende der Welt Master & Commander
2006  Open Water 2 Open Water 2; Adrift
2008 Der Seewolf
2008 Red Cliff Red Cliff
2012 Die Schatzinsel Treasure Island
2013 All is Lost All is Lost
2013 Zwischen den Wellen
En Solitaire
2014 Der Admiral Roaring Currents
2015 Im Herzen der See In the Heart of Sea
2015 Kampf um Europa Michiel de Ruyter
2017 Vor uns das Meer The Mercy
2018 Die Farbe des Horizonts Adrift
2018 STYX STYX

Hinweis zu den markierten Movie
Diese Filme beruhen zum Teil auf wahre Begebenheiten. Die Buch-vorlagen wurden bereits auf BW’s Webseite behandelt. Die Links dazu sind auf dem deutschen Filmtitel gespeichert und mit rot markiert.

Hinweis zu den Trailern
Leider geht diversen Trailern (auf YouTube) Werbung voraus, die kann nach einigen Sekunden (rechts unten) übersprungen werden, dann startet die Filmeinführung.

<Back to Blue Whale’s Schatztruhe>   <Back to Glossar>

Schiemannsgarn

Was ist Schiemannsgarn?

Das Wort teilt sich in zwei Definitionen, wobei als ein Wort geschrieben, eine neue Bedeutung hergeleitet ist. Aber nun mal der Reihe nach;

1.) Schiemann kommt aus dem Niederdeutschen und hat die Bedeutung des Bootsmannsmaat
2.) Garn ist ein Begriff von feinem Zwirn aus Wolle bis zu Seilen aus Hanf
3.) Schiemannsgarn oder Seemannsgarn gehört zu den Kleintau-werken welche an Land und auf See Verwendung hatte. Das Schiemannsgarn besteht in der Regel aus vier bis sechs Garnen, die in S-Drehung (links gedreht) gezwirnt sind. Es ist zwischen drei und sechs Millimeter stark. Das Garn ist geteert, selten wird es ungeteert genutzt. Die Stärke richtet sich nach der vorgese-henen Verwendung. Es dient zum Umwickeln (Kleedern) der Spleißstellen von Drahttauwerk und stehendem Gut (Wanten, Stage etc.). Alternativ mit einem Hüsing-Seil gekleedert wurde dies auch mit Labsal getränkt.

Blue Whale meint; Eigentlich eine banale Arbeit aber notwendige Seemannskunst. Kaum zu glauben, dass daraus die gefürchtetsten Geschichten und Erzählungen entsprangen und die Seefahrt Jahr-hunderte in ihrem Bann hielt.

Die Beziehung zu Seemannsgarn
Das Wort „Seemannsgarn“ wurde der langweiligen Tätigkeit des Schiemannsgarn spinnens hergeleitet weil die Seeleute während des spinnen Erlebnisse erzählten.

Zu den Seemanns- oder Meersagen gehörten Erzählungen über den Klabautermann, Seeungeheuer, Wassermänner und Nixen. Unheimliche Geschichten wie das Geisterschiff des Fliegenden Holländers oder die fantastische Erscheinung des Elmsfeuers faszinierten die Zuhörer immer wieder aufs Neue. Die Existenz resp. Erzählungen über Monsterwellen wurden vom Mittelalter bis in die Neuzeit vehement behauptet. Ab dem 20ten Jahrhundert kursierten auch Geschichten über Verschwinden von Schiffen im Bermuda-Dreieck (Sargassosee) und UFO-Sichtungen. Das Erste entsprach den Tatsachen, aber das Zweite war wohl eine Feak-News! Diese gehören nur bedingt ins Genre des Seemannsgarn und werden auch anders bezeichnet.

Hinweis in eigener Sache;
Link zu verwandten Beiträgen auf Blue Whale’s Webseite
– Seemannsgarn/Meeresgeflüster/Unendliche Geschichte
– Trivialis/Seemannschaft/Wissenswertes/Kavenzmann

<Back to Nautisches Lexikon>
<Back to Main Page Glossar>
.

Mann über Bord (MOB)

(rev. 21.05.2020)

Das Horror-Szenario seegängiger Schiffe „MOB“

Der Kapitän fragt den neuen Matrosen:
„Sie wollen anheuern? Können Sie den überhaupt schwimmen?“

„Nein, aber in 23 Sprachen um Hilfe rufen.“
In diesem Beitrag sollen nicht die umstrittenen Segelmanöver eines „MOB“ (Mann über Bord) erläutert, sondern auf das Horror-Szenario als solches eingegangen werden.
Spätestens seit Erscheinen von Robert Louis Stevensons Roman «Die Schatzinsel», in dem Vizekapitän Arrows auf hoher See nächtlich von Bord der «Hispaniola» verschwindet, halten sich ähnliche Zwischen-fälle hartnäckig in den Schlag-zeilen (siehe dazu Spoiler „Schlagzeilen über POB“).
Sogenannte Segelunfälle, bei denen jemand angeblich von einer großen Welle weggespült wird, sind ein effizientes Mittel, um ungeliebte Ehefrauen, natürlich auch Ehemänner, aufdringliche Rivalen oder aufsässige Gläubiger auf elegante Weise loszuwerden (siehe Link zu Adria-Seeunfall). Dies hat unweigerlich auch bei modernen Kreuzfahrten Einzug gehalten wo Seeunfälle weniger auf Witterungseinflüsse zurück zu führen sind. Fachleute emp-fehlen, reisen so zu buchen, dass sicherheitshalber abgelegene und vorzugsweise haifischreiche Gewässer auf der Cruise ange-steuert werden.

Die HMS Hispagnola

Nun kommt es hin und wieder auch vor, dass jemand unbe-absichtigt über Bord geht, sei
es, weil er tat-sächlich von hoher See überrascht wird, sei es, weil er im Gedenken an Admiral Nelson dem Rum zu stark zugesprochen hat. In einem solchen Fall gelangt dann das soge-nannte «Mann über Bord»-Manöver zur Ausführung. Im Zeichen seglerischer Emanzipation der Frauen und in Einhaltung der „Political Correctness“ möchte Blue Whale auf den ersten Spoiler „WAS IST EIGENTLICH POB“ hinweisen.

1 Was ist eigentlich POB?
Die Modernisierung hat uns auch in der Seefahrt allgegen-wärtig. Die Seefahrtsbibel „Seemanschaft“, welche aus einer über tausendjährigen Tradition geschnitzt wurde, musste mit dem „Yacht-Knigge“ für „Verhaltensgestörte“ Schiffer-Egozentriker ergänzt werden. So war absehbar, dass infolge des Gender-Mainstreaming auch vor dem eingebürgerten Warnruf “Mann über Bord“ (MOB) nicht halt gemacht werden würde. Seit Urzeiten Bestandteil der traditionellen Seefahrt musste dieser Ausruf in „Person über Bord“ (POB) umbenannt werden. Welch ein Graus für Salzbuckel und Seebären! Pardon, auch diese Titel bedürfen zum Leidwesen ihrer Adressaten der Überarbeitung.  Unschwer zu erkennen, dass die retuschierte Bildbeilage unseres Patrons der Meere „Neptun“, im Gender-Look etwas lächerlich wirkt. Diese geschändete Karikatur-Darstellung „übermannte“ Blue Whale mit einem Anfall von Seekrankheit.
Für die seglerische Laien unter den Lesern: Das Kunststück des POB-Manövers besteht darin, Wind und Geschwindigkeit des Segelbootes so genau einzuschätzen, dass das Rettungsschiff tatsächlich unmittelbar neben dem im Wasser Schwimmenden anhält. Es darf nicht in voller Fahrt am Verunglückten vorbeirauschen und auch nicht zehn Meter vor ihm, im Gegenwind stehen bleiben, oder Gott behüte, überfahren werden. Eine Handbremse gehört nicht zum Rüstzeug einer Jacht. Die Bergung nötigt zur Eile, denn die fatale Auskühlungsgefahr des über Bord gegangenen ist der Leitwert eines MOB-Manövers; Deadline sind gleich viele Minuten, wie die Wassertemperatur in Grad jeweils ist! Regeln ohne Ausnahme gibt’s nicht, folglich der nächste Spoiler „SCHLAGZEILEN ZU POB“.
2 Schlagzeilen über POB resp. MOB
Ein Ehepaar auf hoher See in ihrer Yacht. Sturm. Sie fällt über Bord und schreit „Mausi, den Ring, Mausi, den Ring!! Er wirft ihr seinen Ehering nach und sagt:“ Stimmt, den brauch ich auch nicht mehr…“ Jedes Jahr verschwinden bis zu 20 Menschen auf Kreuzfahrt-schiffen, nicht nur durch Unfälle. Die Reeder erklären zwar, dass ein Teil der Vermisstenfälle auf Suizide zurückzuführen sei. In den anderen Fällen sei das Resultat unglücklicher Unfälle, oft als Folge von Alkoholmissbrauch. Besorgniserregend ist jedoch, dass es in rund 30 Prozent aller Fälle keinen Anhaltspunkt gibt, was mit den Passagieren geschehen sein könnte. So der letzte „prominente“ Fall des D. Küblböck, der im Jahr 2018, während einer Kreuzfahrt über Bord ging. Seit dem fehlt jede Spur von ihm. Vermutlich kein Gewaltopfer eines Abhorrers.
Ein Strafrechtler geht sogar so weit, das Kreuzfahrtgeschäft als „ein Eldorado für Mordgetriebene“ zu beschreiben. Nachstehend drei MOB-Ereignisse, die einen glücklichen Ausgang nahmen und dieser These entgegnen;

Person geht über Bord und überlebt fast 24 h im Meer vor Kuba (01. Juli 2018 Nau.ch)
Grosses Glück für einen Mann in der karibischen See vor Kuba. Der 33-Jährige Matrose des Kreuzfahrtschiffes „Norwegian Getaway“ wurde über 30 Kilometer vor der Küste nach auf-wendiger Suche gefunden.

Britin überlebt nach Sturz von Kreuzfahrt-schiff zehn Stunden in der Adria (20.08.2018 dx.com)
Singen und Yoga-Fitness haben der Frau laut eigenen Angaben das Leben gerettet, nachdem sie von Bord gegangen war. Ein Schiff der kroatischen Kriegsmarine konnte die Frau schließlich unversehrt bergen.

42-Jähriger wird aus See geholt und entert Boot des Retters (23. Juli 2019 Tagesanzeiger.ch)
Nachdem ein Mann aus dem Zürichsee gerettet worden war, stieß er seinen Helfer von dessen Schiff und fuhr davon. Dann prallte er in andere Boote. Auch der verdutzte Bootseigner konnte schlussendlich gerettet werden.

Blue Whale hat sich mit dieser Thematik schon mal auseinandergesetzt und zwar im Bericht; „Überleben dank Jeans“! Mit Mausklick öffnet sich der Bericht.

3 Einhandsegler & MOB
Praktisch alle MOB Szenarien decken Varianten von Cruising mit Crew’s ab, seien diese Kreuzfahrer oder Yachten. Selbst bei einer großen Crew sind die Chancen, wieder lebend an Bord zu kommen, minimal. Die Solosegler kommen da etwas kurz, verständlich, das beim „Gau-Happening“ mit tödlicher Sicherheit „Game Over“ sein wird. Ausnahme, du bist auf einem Teich unterwegs resp. du bist wegen einem Ausweich Manöver auf einem überfüllten Seegebiet über Bord gegangen. Wenn der „worst case“ den Solosegler doch ereilen soll, sind die Möglichkeiten und Hilfsmittel sehr bescheiden.
Dazu ein paar Tipps;

  • Das Cockpit auf offener See nicht verlassen.
  • Life-Leine tragen
  • achteraus schwimmende Leine installieren, natürlich nur bei geringer Bootsgeschwindigkeit tauglich.
  • Autopilot mit körpergetragener Fernsteuerung gekoppelt, sofern vorhanden, d.h. das Ruder wird quer gelegt resp. „Schuss in den Wind“ erfolgt bei abbrechen des Funkkontaktes.
  • PLB-Gerät (Personal Location Beacon) am Körper tragen, erleichtert die Ortung resp. Bergung

Die Schwimmweste ist umstritten seit die Seglerikone Eric Tabarly erklärte; „Ich trage keine Weste weil ich nach dem über Bord gehen nicht länger als notwendig leiden möchte!“
Es muss nicht das Extrem des Einhandseglers Conrad Colman sein, der an der Vendee Globe über Bord ging und Glück hatte. Diese gilt als härteste Einhandregatta der Welt. Es kann auch ein Kurztörn auf einem Binnen-See sein, wo die Verkettung unglücklicher Umstände zum Super Gau des Einhandseglers führen.

Zum Gedenken an die vielen auf See verschollenen Persön-lichkeiten und Legenden des Einhandsegeln, widmet Blue Whale den Spoiler 4.

4 Verschollene Legenden
Viele berühmte Persönlichkeiten und Legenden des Segel-sportes haben ihre Leidenschaft mit dem Leben bezahlt und gelten auf See als verschollen. Die näheren Umstände bleiben für immer ungelüftet. Nicht nur Regatten durch gefährliche Seegebiete fordern ihren Tribut. Verwunderlich ist, obschon dort mehrheitlich Profis am Werk sind, beste Ausrüstungen zur Verfügung haben und die Retter „Gewehr bei Fuss“ stehen, fordert die See regelmässig ihre Opfer.
Als berühmte Ausnahme und Ikone des America‘s Cup zählte Sir Peter Blake, der im Dezember 2001 an Brasiliens Küste als Umweltschützer unterwegs, überfallen und ermordet wurde.

Ein Vers von Jules Verne soll uns nachdenklich stimmen;

Die Ahnengalerie der Legenden nach Ereignisjahren gelistet; (mit Mausklick auf Namen öffnet sich ein Link)

1909 Joshua Slocum
Gilt als erster Einhandsegler der eine Weltumrundung vollbrachte. Der kanadisch-amerikanische Seefahrer verschwand mit seinem Boot auf einer Expedition nach Südamerika.

1913 Rudolf Diesel
Der deutsche Ingenieur und Erfinder des Diesel-Motors wurde zuletzt am 29. Sept. 1913 an Bord eines Fährschiffes auf dem Ärmelkanal gesehen.

1928 Franz Romer
Verschwand bei dem Versuch, als Erster mit einem Faltboot den Atlantik zu überqueren.

1961 David Kenyon Webster
Der amerikanische Schriftsteller, Journalist und Soldat fuhr am 9. September 1961 vor die Küste von Santa Monica (Kalifornien) und verschwand.

1975 Bas Jan Ader
Der niederländische Performance-Künstler verschwand im Juli 1975 mit seinem Segelboot Ocean Wave beim Versuch einer künstlerisch motivierten Atlantik-Überquerung. Sein Boot wurde etwa 10 Monate später an der irischen Küste angeschwemmt, er selbst oder Hinweise auf sein Schicksal wurden jedoch nie gefunden.

1978 Alain Colas
Alain Colas war ein französischer Skipper und wurde als Teilnehmer der Einhandregatta „Route du Rhum“ bekannt. Er war auch der Erste, der mit einem Mehrrumpfboot erfolgreich die Erde umsegelte. Er kam auf See vor der Küste der Azoren um.

1978 Eddie Aikau
Der hawaiianische Lifeguard und Surfer gilt seit dem 17. März als verschollen auf See. Er war Crewmitglied des Forschungs-schiffs Hōkūleʻa, das an jenem Tag kenterte. Aikau versuchte Hilfe zu holen und paddelte ohne Rettungsweste mit seinem Surfbrett Richtung Lānaʻi. Er wurde nie wieder gesehen. Der Rest der Crew wurde gerettet.

1979 Agamemnon Despopoulos
Der US-amerikanische Physiologe stach am 2. Nov. in Bizerta (Tunesien) auf seiner Segelyacht Cybele in See, um mit seiner Frau Sarah Jones-Despopoulos den Atlantik zu überqueren. Das Ehepaar gilt seitdem als vermisst.

1992 Nigel Burgess
Teilnehmer des traditionellen Vendèè Globe Race (früher Golden Globe Race) genannt verschwand in der ersten Nacht vor Biskaya.

1997 Gerry Roufs
Er war ein kanadischer Profi-Rennsegler, der während der Einhandregatta Vendée Globe 1996/97 im Südpolarmeer verschwand.

1998 Éric Tabarly
Gilt als einer der herausragender Hochseesegler und innova-tivsten Konstrukteure von Regattayachten des 20. Jahrhun-derts. Tabarlys Segelyachten trugen den Namen Pen Duick. Éric Tabarly lehnte es stets ab, sich an Bord zu sichern. 1998 sollte ihn dies das Leben kosten, als er bei einer Nachtfahrt in der Irischen See über Bord ging.

2007 Jim Gray
Der Informatiker verschwand mitsamt seinem Boot in der Nähe von San Francisco im Pazifischen Ozean.

2018 John Fisher
Der Teilnehmer des Ocean Volvo Race ist in einem Sturm, rund tausendzweihundert Seemeilen westlich der südame-rikanischen Küste, von Deck gespült worden. Trotz sofort eingeleiteter Suchoperation konnte der englische Segler nicht aufgefunden werden und gilt als verschollen.


Ein Zitat zum Abschluss
Der legendäre US-Präsident John F. Kennedy (1917-1963) der ein enthusiastischer Segler war, hat im Rahmen der be-rühmtesten Segelregatta der Welt, dem America’s Cup, in einer Rede nachstehendes bemerkt:
„Wir sind mit dem Ozean verbunden. Und wenn wir zum Meer zurückkehren, egal ob wir segeln oder es nur beobachten, dann gehen wir dahin zurück, wo wir einst hergekommen sind.“

<Back to Maritimes Koleidoskop>     <Back to Glossar>